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Inhalt


Paris, 1941. Weil es in der besetzten Hauptstadt zu gefährlich geworden ist, plant die jüdische Familie Joffo die Flucht nach Südfrankreich, das noch nicht in deutscher Hand ist. Eine gemeinsame Reise wäre zu auffällig, daher schicken die Eltern den zehnjährigen Joseph und seinen älteren Bruder Maurice allein auf den Weg. Ein gefährliches Abenteuer erwartet die Jungen, denn niemand darf erfahren, dass sie Juden sind. Doch dank ihres Mutes und Einfallsreichtums schaffen sie es immer wieder, den Besatzern zu entkommen. Wird es ihnen gelingen, ihre Familie in Freiheit wiederzusehen?

Pressenotiz
Die berührende Verfilmung des auf der Lebensgeschichte von Joseph Joffo basierenden Bestsellers erzählt in großen Bildern von zwei Brüdern, die auf ihrem Weg in die Freiheit allen Widerständen trotzen. Der Film besticht vor allem durch die herausragende Leistung der Schauspieler, allen voran der beiden jungen Hauptdarsteller Dorian Le Clech und Batyste Fleurial Palmieri, die sich neben renommierten Kollegen wie Patrick Bruel („Der Vorname“) und Christian Clavier („Monsieur Claude und seine Töchter“) nicht verstecken brauchen.

REGISSEUR

+Über
+CHRISTIAN DUGUAY IM INTERVIEW


Christian Duguay


Der 1957 in Montréal, Québec geborene Christian Duguay studierte an der Concordia University und machte sich zu Beginn seiner Karriere vor allem mit TV-Produktionen einen Namen. Für die TV-Serie „Der Mutter entrissen“ gewann er 1996 einen Gemini Award, 1999 und 2003 wurde er für „Jeanne D’Arc – Die Frau des Jahrtausends“ und „Hitler – Aufstieg des Bösen“ jeweils für einen Emmy nominiert. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Screamers – Tödliche Schreie“ mit Peter Weller, „The Art of War – Kennst du deine Feinde?“ mit Wesley Snipes in der Hauptrolle und der Spionagethriller „The Assignment – Der Auftrag“ mit Aidan Quinn und Donald Sutherland. 2013 erzielte er mit dem Sportdrama „Jappeloup – Eine Legende“ einen Publikumserfolg in Frankreich, 2015 drehte er „Sebastian und die Feuerretter“, die Fortsetzung von Nicolas Vaniers berühmten Kinderfilm.

Filmografie (Auszug):

1992 „Hydrotoxin – Die Bombe tickt in dir“

1995 „Screamers – Tödliche Schreie“

2000 „The Art of War – Kennst du deine Feinde?“

2013 „Jappeloup – Eine Legende“

2015 „Sebastian und die Feuerretter“


Christian Duguay im Interview


WIE BEGANN DAS ABENTEUER FÜR SIE?
Zu Beginn hatte ich ein sehr angenehmes Treffen mit Nicolas Duval, Laurent Zeitoun und Yann Zenou von QUAD Productions. Sie wollten mich kennenlernen, weil ihnen mein Film „Jappeloup – Eine Legende“ sehr gut gefallen hatte. Alle drei sind große Filmliebhaber und mit den komplexen Vorgängen in dieser Branche sehr vertraut. Es macht mich immer sehr froh, wenn ich auf Menschen treffe, die alles im Blick haben, vom Drehbuchschreiben bis zum Dreh selbst. Als sie mich fragten, ob ich den Roman „Ein Sack voll Murmeln“ von Joseph Joffo kenne, musste ich das verneinen. Das Buch ist im französischsprachigen Teil Kanadas kaum bekannt. Als ich es dann las, war ich vom Durchhaltevermögen, der Überzeugung und der Kraft der Brüder in diesem hoffnungsvollen Roman sehr berührt. Man erlebt eine inspirierende Geschichte aus der Sicht von Kindern und ihre Art, die Welt wahrzunehmen, bis die Realität sie einholt. Die Erzählung ist sehr stark und leider so allgemeingültig, dass man darin einfach auch die aktuelle Situation sehen muss: das Leid der Menschen, die heute auf der Flucht sind, aber auch ihre Glücksmomente.

WIE VERLIEF IHR ZUSAMMENTREFFEN MIT JOSEPH JOFFO?
Joseph und ich haben uns vor allem über seinen Vater unterhalten. Seine Erläuterungen haben mir ein besseres Verständnis dafür gegeben, was dem Buch zugrunde liegt. Durch den Roman, der meine Bettlektüre wurde, und die mündlichen Erzählungen von Joseph Joffo erkannte ich einen Zusammenhang zwischen Joseph und einem für mich wichtigen Thema, das in jedem meiner Filme erscheint: Die Vaterfigur ist mir heilig und verkörpert tiefes Vertrauen. Im Buch hingegen wird der Vater zwar oft erwähnt, ist jedoch keine tragende Säule der Erzählung.

WIE HABEN SIE SICH DIE VERFILMUNG VORGESTELLT?
Das Buch wurde in der ersten Person, aber 30 Jahre nach den Geschehnissen geschrieben. Im Gegensatz dazu nimmt der Film fortwährend den emotionalen Blickpunkt des kleinen Jungen ein und verzichtet auf die Distanz des Erzählers im Buch. Durch die Reise, bei der sie unglaubliche Herausforderungen meistern, werden die beiden kleinen Jungen erwachsen. Jo ist bei seiner Rückkehr nach Paris nicht mehr derselbe wie zwei Jahre zuvor.

WIE IST DAS DREHBUCH ZUSTANDEGEKOMMEN?
Ich hatte das Buch gelesen und wollte mit dem Drehbuch ganz von vorn anfangen. Ich wusste sofort, welchen Blickwinkel ich dabei einnehmen wollte. Ich kontaktierte Benoît Guichard, einen französischen Drehbuchautor, der in Québec lebt und mit dem ich schon einige Drehbücher für meine Filme gemeinsam geschrieben habe. Ganz schnell und wie von selbst entstanden die Sequenzen des Filmes als Grundgerüst. Danach musste ein Team zusammengestellt werden. Der Produktionsleiter Laurent Sivot stellte mir den Produktionsdesigner Franck Schwartz und die erste Regieassistentin Laure Prévost vor. Dass es den Film heute gibt, habe ich dem Zusammentreffen mit all diesen Menschen zu verdanken, die mit mir gearbeitet und auch unter Druck nie aufgegeben haben. Wir hatten das Grundgerüst des Films, Benoît war an meiner Seite, wir schrieben das Drehbuch und gleichzeitig suchten wir nach Drehorten, führten Castings durch und trafen andere Vorbereitungen. Es war ein mühsames Unterfangen. Wir mussten die wichtigsten Orte finden, die in den historischen Kontext passen und der Filmerzählung dabei treu bleiben. So ist beispielsweise die Promenade des Anglais in Nizza der Schlusspunkt der ersten Reise der beiden jungen Hauptdarsteller. Das Ende des Filmes will ich zwar nicht verraten, aber ich habe es während des Drehs geschrieben. Das war nur möglich, weil ich mitbekam, wie sich die beiden Kinder immer näherkamen.

SIE WAREN MIT DER GESCHICHTLICHEN EPOCHE SCHON VERTRAUT, WEIL SIE EINEN FILM ÜBER HITLER GEMACHT HATTEN. MUSSTEN SIE SICH TROTZDEM ÜBER DIE ZEIT INFORMIEREN?
Ich hatte den Film „Hitler – Aufstieg des Bösen“ gedreht und kannte den politischen Kontext, aber das Thema der deutschen Besetzung Frankreichs hat mich sehr interessiert. Mich fasziniert der politische Chauvinismus und die Spaltung der Menschen in jene, die es geschehen ließen und andere, die rebellierten. Ich wollte, dass man schon durch die Kulisse den geschichtlichen Kontext begreift. Beispielsweise sieht man in Nizza, wie die Italiener Frankreich überstürzt verlassen, und begreift so, dass die Alliierten einmarschiert sind. Aufgrund dieser Art von Details mussten wir nicht viel erklären. Es ist ja wie gesagt die Allgemeingültigkeit dieser Geschichte, die so viele Menschen berührt hat, seit das Buch herausgekommen ist. Es gibt so viele Filme über diese Zeit. Heute ist vor allem wichtig, dass die Gefühle präzise beschrieben werden. Sie sind dieselben geblieben, auch wenn sich die Kulisse verändert hat.

DIE DREHORTE UND KULISSEN SIND PRÄZISE AUF DEN PUNKT GEBRACHT.
Ich habe ja schon den wunderbaren Produktionsdesigner Franck Schwartz erwähnt. Es war nicht so sehr sein Werdegang, der mich von ihm überzeugte, sondern seine Fähigkeit zuzuhören, seine Ruhe und seine Arbeitsweise. Er hatte verstanden, dass wir einen historischen Film drehen wollten, ohne uns dabei zu sehr auf den Kontext zu fokussieren. In Nizza drehten wir in einer sehr kleinen Wohnung. Das erschwerte die Lage für Kulisse, Kostüme, Maske und so weiter. Wir hatten aber schon zwei Drittel des Films gedreht, und im Team herrschte eine tiefe Verbundenheit. Es war wunderbar, wie sehr mir die Schauspieler und die ganze Crew vertraut haben.

BESCHREIBEN SIE DAS CASTING DER KINDER.
Glücklicherweise hatte ich als Besetzungschefin die sehr begabte Valérie Espagne. Sie traf mehr als tausend Kinder. Von denjenigen, die sie mir vorstellte, überzeugten mich Dorian Le Clech (Joseph) und Batyste Fleurial (Maurice) am meisten. Zum Glück entstand zwischen den beiden Jungen ein kleines Wunder. Dorian ist sehr scharfsinnig. Für die Szene mit der Ohrfeige gab ich ihm die Antworten vor, aber die Gefühle sind bei ihm wie von selbst entstanden. Er hat sofort verstanden, was ich mir für seine Rolle vorstellte und ist meinen Anweisungen und meiner Richtungsvorgabe gefolgt. Er musste die Szenen wirklich erleben. Batyste hatte weniger Erfahrung als Dorian, hat aber hart daran gearbeitet, in seine Rolle zu schlüpfen. Ich schätze seine Wärme und seine aufmerksame Art sehr. Ich habe ihm gezeigt, wie eine Figur aufgebaut ist und was ein Spannungsbogen ist, ohne zu theoretisch zu werden. Ich habe ihm die Gesamtperspektive der jeweiligen Szene erklärt, um zu erreichen, dass er sich in seinen Text und in die Feinheiten des Schauspiels einfühlt.

WIE HABEN SIE BEI DEN KINDERN REGIE GEFÜHRT?
Jeden Abend bereitete ich die Szenen des nächsten Tages vor, um die Entwicklung der Figuren herauszuarbeiten. Die Kinder mussten mir sehr viel Vertrauen schenken. Amour, die sie coachte, hat mich dabei wirklich unterstützt und immer auf meine Wünsche reagiert. Sie wollte, dass der Text nicht gespielt wirkt, sondern natürlich. Deshalb ließ sie die Kinder über ihre Rolle sprechen und den Text in jeder möglichen Richtung aufsagen, sodass er irgendwann wie von selbst kam und sie ein Gefühl dafür bekamen. Und dann sagte sie zu ihnen: „Vergesst den Text und lasst euch von eurem Gegenüber inspirieren.“ Professionelle Schauspieler konzentrieren sich oft zu sehr auf den Dialog und schenken dem anderen Schauspieler keine Beachtung. Das war bei Dorian und Batyste ganz anders.

HABEN SIE SOFORT AN PATRICK BRUEL UND ELSA ZYLBERSTEIN FÜR DIE ROLLEN DER ELTERN GEDACHT?
Während wir das Drehbuch schrieben, wurde es offensichtlich, dass Patrick den Vater spielen sollte. Ich wartete auf den richtigen Moment, um ihm das Projekt vorzuschlagen. Er las einen ersten Entwurf des Drehbuchs und war überzeugt. Sehr schnell hatten wir ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Er war außergewöhnlich großzügig. Ich zeigte ihm die Szenen mit Dorian. Sie haben ihn sehr erschüttert. Ich glaube, er stellte sie sich mit seinem eigenen Sohn vor. Wir unterhielten uns über unsere Kinder, über das Buch, über Claude Millers Film „Ein Geheimnis“ und darüber, wie ich mir seine Rolle vorstellte. Sein Zusammentreffen mit Dorian war wunderbar. Anfangs befürchtete ich, Elsa sei zu jung für die Rolle. Als ich jedoch weiter darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass die Frauen damals sehr jung Kinder bekamen. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass sie schon ungefähr zwanzigjährige Söhne hat. Mir war wichtig, dass sie als Mutter überzeugt, und sie hat die Rolle wunderbar verkörpert.

ES GIBT EINE GANZE REIHE WUNDERBARER NEBENROLLEN: DR. ROSEN, DEN KOLLABORIERENDEN BUCHHÄNDLER, DEN WIDERSTANDSKÄMPFER ETC.
Ich handhabe das ein bisschen so wie Claude Berri in seinen Marcel-Pagnol-Verfilmungen. Ich komme aus derselben Tradition und habe viele literarische Bilder in mir. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass mich das Buch zu den Besetzungen der Nebenrollen inspiriert. Das kommt selten vor. Bernard Campan spielt den kollaborierenden Buchhändler, eine etwas farblose Figur, die jedoch eine eiskalte Rede hält, ohne dabei theatralisch zu werden. Ihn überzeugten vor allem der Roman und die Gründe, aus denen ich ihn verfilmen wollte. Christian Clavier merkte, dass er seine Rolle als Arzt auf seine eigene Art interpretieren konnte, auch wenn es nur eine kleine Rolle war und er nur zwei Tage lang bei den Dreharbeiten dabei war. Während des Drehs habe ich ihn ein wenig vor den Kopf gestoßen, damit er verstand, wie ich mit Dorian arbeiten wollte. Ich bat ihn oft darum, dem Jungen zurück in seine Rolle zu helfen. Christian Clavier spielte jedes Mal mit der gleichen Intensität und Genauigkeit. Mit Kev Adams, der den Widerstandskämpfer spielt, verbrachten wir bei den Dreharbeiten drei unvergessliche Tage. Seine lodernde Energie und sein intelligenter Humor sind bekannt. Die Szene, in der er in die Enge getrieben wird und sich opfert, ist sehr beeindruckend. Kev begriff sofort, dass ich in meinem Film einen außergewöhnlichen Ton anschlagen wollte und eine bestimmte Energie ohne zu viel Theorie suchte. Ich wollte, dass die Sequenz zum Leben erwacht. Er folgte mir und spielte auf ganz natürliche Art. So hinterlässt er eine wichtige Spur in der Geschichte.

FÜR WELCHE ART VON INSZENIERUNG ENTSCHIEDEN SIE SICH?
Ich entschied mich für die Steadicam, um mich von den Bewegungen der Schauspieler führen zu lassen. Denn ihr Spiel entscheidet über die Bewegungen der Kamera. Sie müssen sich nicht an vorher festgelegte Bewegungen halten. Ich wollte jedoch verhindern, dass sie sich der Kamera bewusst werden. Deshalb schufen wir ein Universum, das eine sehr große Flexibilität beim Schauspiel zuließ. Die Zuständigen für Requisiten, Script und Continuity und ich mussten zuerst ohne die Schauspieler ein Gefühl für das Umfeld der Szene bekommen, ohne alles zu verraten. Dann gaben Requisiten und kleine Details den Schauspielern die Möglichkeit, ihre Spannung auszudrücken: ein Wasserglas wird bis zum Rand befüllt, eine Hand zittert, und der deutsche Offizier tunkt sein Brot auf eine gewisse Art in sein Ei. Diese Dinge wurden nicht aus ästhetischen Gründen gewählt, sondern um die Schauspieler in die emotionale Atmosphäre der Szene eintauchen zu lassen.

UND WAS IST MIT DEM KAMERAMANN?
Mit dem exzellenten Kameramann Christophe Graillot hatte ich schon an „Sebastian und die Feuerretter“ gearbeitet und auch wieder an diesem Film. Er weiß, dass ich intuitiv an die Kameraaufnahmen herangehe, und ihm ist bewusst, dass er schöne und kontrastreiche Bilder produzieren soll. Da meine Kamera besonders beweglich ist, muss er die Technik an die Bewegungen der Schauspieler und der Apparate anpassen, wie bei unvorhergesehenen Momenten, die direkt gefilmt werden.

MANCHMAL SIND SIE MIT IHRER KAMERA IN NÄCHSTER NÄHE DER SCHAUSPIELER.
Ja, die schlimmsten Momente des Films wollte ich im Detail zeigen. So habe ich beispielsweise die Zugszene mit einem Makro-Objektiv gefilmt, damit die Stimmung möglichst bedrückend wird und ich mich auf zwei oder drei kleine Details konzentrieren kann. Dieses Objektiv ist sehr nahe bei den Schauspielern und sorgt für eine erdrückende Perspektive.

DIE MUSIK STAMMT VON ARMAND AMAR.
Das ist mein zweiter Film mit ihm nach „Sebastian und die Feuerretter“. Er sorgte dafür, dass die Musik die Dramaturgie begleitet und dem Film neue Emotionen verleiht. Er war sehr großzügig und offen. Wir führten einen intensiven Austausch, um die musikalischen Themen zu erschaffen. Insbesondere mussten wir im Vorfeld ein Thema für Elsa Zylberstein kreieren, damit sie glaubhaft wirkt, wenn sie die Geige hält und stimmt. Sobald sie das Instrument an sich nimmt und die Kinder sie ansehen, versteht man die gesamte Vergangenheit der Familie. In dem Roman ist die Familie sehr wichtig. Jedes Mal, wenn sich die Eltern und ihre Söhne wiedertreffen, musste man fühlen, wie gut es ihnen miteinander geht. Die Musik vermittelt das. Die Szene dauert nur zehn Sekunden, aber man versteht sofort alles.

DARSTELLER

Dorian Le Clech
Patrick Bruel
Christian Clavier

Dorian Le Clech und
Batyste Fleurial Palmieri
im Interview

Elsa Zylberstein und
Patrick Bruel im Interview



Dorian Le Clech als Joseph Joffo

Der inzwischen elfjährige Dorian Le Clech ist eine der vielversprechendsten Neuentdeckungen des französischen Films. Zuvor war der talentierte Junge aus der Bretagne nur in Kurzfilmen oder kleinen Rollen wie in „Lili Rose“ zu sehen. Regisseur Christian Duguay zeigte sich begeistert von dem jungen Naturtalent und prognostiziert ihm eine erfolgreiche Schauspielkarriere.



Patrick Bruel als Roman Joffo

Der 1959 in Tlemcen, Algerien geborene Patrick Bruel ist nicht nur erfolgreicher Schauspieler, sondern vor allem in Frankreich auch als Sänger bekannt, der zahlreiche Alben veröffentlicht und unzählige Charterfolge gefeiert hat. Darüber hinaus hat er sich als professioneller Pokerspieler einen Namen gemacht. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Ein Geheimnis“ aus dem Jahre 2007 und die Tragikomödie „Der Vorname“ von 2012.


Christian Clavier als Dr. Rosen

Der französische Schauspieler Christian Clavier wurde 1952 in Paris geboren. Neben seiner darstellerischen Tätigkeit arbeitet er auch als Drehbuchautor und Regisseur. Seine Karriere begann er als Mitbegründer der Komiker-Gruppe Le Splendid. Zu Christian Claviers bekanntesten Filmen zählen „Die Besucher“, die beiden Realverfilmungen des Comics „Asterix“, in denen er die Titelrolle verkörperte, und Phillippe de Chauverons Komödienhit „Monsieur Claude und seine Töchter“.



Dorian Le Clech und Batyste Fleurial Palmieri im Interview

WIE SEID IHR ZU DEM PROJEKT GEKOMMEN?
Dorian: Für das Casting in Paris hatte ich einige Szenen einstudiert. Zuerst habe ich mit einem anderen Teenager gespielt, der Maurice darstellen wollte. Dann habe ich Batyste kennengelernt, der für die Rolle von Maurice ausgewählt worden war. Die Szene mit der Ohrfeige war unsere erste gemeinsame Szene.

Batyste: Jeder von uns hat allein beim Casting begonnen. Ich hatte auch Texte dafür gelernt. Ich wurde zu einem Callback eingeladen. Da habe ich dann zuerst mit einem anderen Joseph gespielt und dann mit Dorian. Und dann wurden Dorian und ich für die Rollen ausgewählt.

KANNTET IHR DAS BUCH SCHON?
Dorian: Ich kannte es nicht, habe es dann aber mit meiner Mutter für den Film gelesen. Joseph hat mich sehr beeindruckt. Er war erst zehn, als er mit seinem Bruder Paris verließ. Ich weiß nicht, ob ich mich genauso gut wie er im unbesetzten Teil Frankreichs hätte durchschlagen können. Zugfahren, flüchten, stundenlang laufen: Es ist unglaublich, was er in seinem Alter schon durchmachen musste.

Batyste: Wir hatten das Buch in der Schule gelesen. Als wir begannen, uns auf den Film vorzubereiten, gab man uns das Buch und den Comic von „Ein Sack voll Murmeln“. Mir hat der Comic besser gefallen. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, wie das Buch verfilmt werden sollte, aber es ist wirklich eine schöne Geschichte. Wie Dorian weiß ich nicht, ob ich das Gleiche wie Maurice und Joseph geschafft hätte.

WIE FANDET IHR DAS DREHBUCH?
Batyste: Mir wurde plötzlich klar, dass ich da viel Arbeit hineinstecken musste und dass es sehr schwer werden würde. Das Drehbuch hat mich sehr bewegt.

Dorian: Ich fand, dass das Drehbuch dem Buch sehr ähnelt. Für den Film hat man ein bisschen Action hinzugefügt, ein bisschen Gänsehaut, Verbundenheit und Liebe. Jeder konnte seine persönliche Note einbringen.

KÖNNT IHR UNS DIE GESCHICHTE DES FILMS ERZÄHLEN?
Dorian: Es ist die Geschichte von Joseph Joffo, der während des Zweiten Weltkrieges mit seinem Bruder quer durch Frankreich reisen muss, um in die unbesetzte Zone zu gelangen. Die beiden müssen schwierige Dinge durchstehen, um dorthin zu kommen. Sie treffen auf nette Menschen und auf andere, vor denen sie sich in Acht nehmen müssen. Und dann kommt alles durcheinander, als die Deutschen in die unbesetzte Zone einmarschieren. Joseph und Maurice können jeden Moment erwischt werden und versuchen deshalb, sich zu verstecken. Damit sie mehrere Monate an einem Ort bleiben können, findet Maurice Arbeit in einem Restaurant. Joseph wohnt bei einer Buchhändlerfamilie, für die er dafür Zeitungen austrägt. Als die Amerikaner nach Frankreich kommen, ziehen die Deutschen ab, und die beiden Jungen sind frei. Am Ende will Joseph Françoise, der Tochter des Buchhändlers, sagen, dass er in sie verliebt ist, aber es ist zu spät.

Batyste: Der Film handelt von zwei jüdischen Kindern, die mit ihrer Familie in Paris leben. Als es Pflicht wird, den gelben Stern zu tragen, werden sie an der Schule beschimpft und geschlagen. Ihre Eltern bitten die beiden, zu flüchten und sich in die unbesetzte Zone durchzuschlagen, um in Sicherheit zu kommen. Sie halten das für die beste Lösung. Joseph und Maurice reisen also nach Nizza. Dort sind auch schon ihre beiden großen Brüder. Die Eltern schaffen es auch, zu ihnen zu kommen. Als die Deutschen jedoch in der unbesetzten Zone einfallen, muss sich die Familie erneut trennen. Maurice und Joseph kommen in ein Heim für Jugendliche. Eines Tages machen sie mit dem älteren Ferdinand einen Ausflug und werden dabei von den Deutschen festgenommen und gefoltert. Ein Pfarrer hilft ihnen, wieder freizukommen. Die Brüder machen sich wieder auf den Weg und bleiben in einem Dorf, in dem sie beide Arbeit finden: Joseph verkauft Zeitungen für einen Buchhändler, bei dem er wohnen kann, und Maurice arbeitet in einem Restaurant und wird bis Kriegsende Teil der Widerstandsbewegung.

ERZÄHLT MIR VON EUREN FIGUREN.
Dorian: Die beiden Jungen sind sehr mutig und eng verbunden. Joseph ließ seinen Sack voll Murmeln zurück, als ob er sein früheres Leben zurückließe, um sich in die Zukunft zu bewegen. Es ist beeindruckend: Er ist jünger als Maurice, und um ihm folgen zu können, muss er viel einstecken und beweist sehr viel Mut. Während der Reise wird er reifer und härter. Er verändert sich.

Batyste: Maurice ist sich der Situation und der Kriegsgefahren bewusster. Er will seinen Bruder beschützen und tut alles, damit er in Sicherheit ist. Er ist der Anführer. Er wird auch reifen, aber er weiß von Anfang an, dass sie auf große Schwierigkeiten stoßen werden: die Trennung von ihrer Familie, die Gefahr, festgenommen zu werden, die anstrengende Flucht und das stundenlange Wandern, der Hunger, der Schlafmangel, die Fallen, die umgangen werden müssen, die Kriegsgefahren … Joseph ist jünger und dadurch sorgloser und ahnungsloser.

DENKT IHR, SIE HABEN IHREN MUT VON IHREM VATER UND SEINEN ERFAHRUNGEN?
Dorian: Ja, ihr Vater war sehr würdevoll und stolz auf seine Herkunft. Er hat ihnen viel Mut gegeben. Der Kontakt mit ihrem Papa hat Joseph und Maurice geprägt: Sie haben gelernt, härter zu werden und sich nichts gefallen zu lassen. Als die beiden Brüder von den Deutschen gefoltert wurden, haben sie sich verändert: Sie haben den Ernst der Lage begriffen und verstanden, dass sie nicht schwach werden dürfen, da sie als Juden in Lebensgefahr sind.

WIE IST DIE DEUTLICH SPÜRBARE VERBUNDENHEIT UND BRUDERLIEBE ZWISCHEN DEN BEIDEN DARSTELLERN VON JOSEPH UND MAURICE ENTSTANDEN?
Dorian: Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, und Batyste ist nun wirklich wie ein großer Bruder für mich.

Batyste: Wir hatten Zeit, uns gut kennenzulernen. Wir haben einige Wochen mit unserem Coach Amour geübt und dann die Szenen gemeinsam geprobt. Weil wir während der Dreharbeiten zwei Monate ununterbrochen zusammen waren, entstand eine starke Verbindung und eine große Nähe.

WIE HABT IHR EUCH MIT PATRICK BRUEL UND ELSA ZYLBERSTEIN VERSTANDEN?
Batyste: Sehr gut! Wenn wir in die Garderobe kamen, nannte mich Elsa sogar „mein Sohn“ und „mein Schatz“. Sie war sehr liebevoll zu uns. Zwischen den Aufnahmen haben wir uns alle unterhalten. Patrick und Elsa waren immer ansprechbar. Sie haben sich nie über uns gestellt. Wir waren ein richtiges Team, das gemeinsam ein Abenteuer erlebte. Patrick gab uns Ratschläge, und beide ermutigten uns.

Dorian: Ich war Patrick sehr nahe. Ich sprach oft mit ihm und unsere Gefühle waren sehr ähnlich. Nach den Aufnahmen war er immer ansprechbar und witzig. Elsa brauchte erst einmal Ruhe, um zu sich zu kommen. Dafür hörte sie Musik.

WIE WAR DIE ARBEIT MIT CHRISTIAN DUGUAY?
Dorian: Bei den Dreharbeiten dachte ich nicht an die Kamera, sondern an meine Rolle. Ich fühlte mich nicht mehr wie Dorian, sondern wie Joseph Joffo. Diese Tipps hatte uns Christian gegeben, damit wir uns in unsere Figuren hineinversetzen und einfühlen konnten. Wenn Gefühle entstehen, kann man gut arbeiten.

Batyste: Christian hat nie Druck auf uns ausgeübt und brachte uns dazu, bis zu unseren tiefsten Gefühlen vorzudringen. Er stand im positiven Sinne immer hinter uns, um uns zu ermutigen. Er versuchte herauszufinden, wann wir bereit dazu waren, authentische Gefühle zu zeigen.

WIE WAR DAS COACHING MIT AMOUR?
Dorian: Wir haben zuerst gelernt, einander zuzuhören, um die richtige Antwort zu geben. Am Anfang haben wir uns einen Luftballon vorgestellt und nannten eine Farbe dazu. Man musste die genannte Farbe wiederholen und noch eine andere dazu sagen. Wenn man Texte lernen muss und schnell miteinander spricht, muss man sich wirklich gut zuhören.

Batyste: Es war ein Spiel, um Zuhören zu lernen.

Dorian: Das Schwierigste war nicht, die Texte der Szenen zu lernen. Amour hatte es mir schmackhaft gemacht, mich mit den Texten zu beschäftigen. Deshalb hatte ich das Drehbuch gut im Kopf.

Batyste: Wir haben die ganze Zeit gespielt und mit Amour gearbeitet. Weil wir immer wieder alles geübt hatten, dachten wir beim Dreh nicht mehr an den Text, sondern daran, was wir tun sollten. Sie hat mit uns nicht an der Darstellung gearbeitet, sondern am Textverständnis. Wir haben die Szenen in verschiedenen Gefühlslagen geübt. Als uns dann Christian beim Dreh erklärte, was er erwartete, konnten wir das aus den vielen Dingen herausfischen, die wir vorher geübt hatten. Christian war immer in der Nähe der Kamera, also war er auch uns sehr nahe.

WIE LIEF DIE AUFNAHME DER SZENE MIT DER OHRFEIGE?
Dorian: Es war die letzte emotionale Szene, die wir drehten. Ich war vollkommen in der Geschichte und in der Sequenz. Mir war klar, was passieren würde, da ich schon die anderen Szenen gedreht hatte. Ich wusste sofort, in welchen Gefühlszustand ich mich versetzen musste.

KÖNNT IHR UNS EINE ANEKDOTE VON DEN DREHARBEITEN ERZÄHLEN?
Batyste: Die Dreharbeiten waren zwei magische Monate. Wir waren wie eine große Familie. Ich machte mich manchmal über Christians kanadisches Französisch lustig.

Dorian: Als wir in Paris waren, bat mich Christian oft in ungewohnten Worten, eine Szene zu proben. Ich habe seinen Akzent nicht immer verstanden. Aus Spaß habe ich auch einmal sein kanadisches Französisch imitiert.

WIE WAR DIE BEGEGNUNG MIT JOSEPH JOFFO?
Dorian: Ich habe ihn in Nizza getroffen. Wir haben uns ziemlich gut verstanden. Er hat mich ermutigt und gesagt: „Du bist ein guter Junge und du bist mir sehr ähnlich.“ Das hat mir einen Kick gegeben für die emotionalen Szenen, die wir kurz darauf drehten, insbesondere die Szene am Strand in Nizza, bei der die ganze Familie vereint ist.

Batyste: Ich war beeindruckt und ein bisschen schüchtern. Ich habe mich in ihn und in die wirklich sehr berührende Geschichte hineinversetzt. Ich erinnere mich, dass er zu mir gesagt hat: „Ich hoffe, dass du genauso stark bist wie Maurice.“ Das hat mich ein bisschen unter Druck gesetzt.

WAS MÖCHTET IHR KINDERN IN EUREM ALTER ÜBER DIE GESCHICHTE DES FILMS SAGEN?
Batyste: Man nimmt die Schoah in der Schule durch, aber man versetzt sich nie in die Menschen und ihre persönliche Geschichte hinein. Durch den Film wird einem klar, was Juden erlebt und erlitten haben. Der Film ist sehr berührend und macht einem bewusst, was wirklich während des Kriegs passiert ist: auseinandergerissene Familien, Folterungen, Erschießungen der Widerstandskämpfer, Kinder, die sich verstecken mussten, die Angst davor, erwischt zu werden und zu sterben … Ich möchte, dass meine Freunde den Film sehen, damit ihnen klar wird, wie schrecklich dieser Krieg war.

Dorian: Man sieht im Film, dass viele Juden deportiert wurden, aber auch andere Menschen. Der Film soll den Zuschauern bewusst machen, dass damals Bomben auf die Menschen fielen und sie jederzeit sterben konnten.

Batyste: Es ist schwierig, Jugendliche dazu zu bringen, sich den Film anzusehen. Sie denken oft, dass das alte Geschichten sind, die sie nichts angehen. Aber es ist wichtig, sich all das bewusst zu machen.

Dorian: Unsere Lehrer sind oft nicht die Besten, um uns etwas über Geschichte, die Kriege und die Vergangenheit beizubringen. Manchmal langweilt man sich im Unterricht und hat nicht wirklich Lust, etwas Neues zu lernen. Wenn man vollkommen in eine Geschichte eintauchen könnte, würde man sich sicher viel mehr dafür interessieren. Durch den Film wird das möglich.



Elsa Zylberstein und Patrick Bruel im Interview

WIE KAMEN SIE ZU DEM PROJEKT?
EZ: Ich wusste von der Verfilmung von einer Freundin, die mir gesagt hatte: „Das ist eine Rolle für dich.“ Und der Zufall wollte, dass mein Agent mir ein Treffen mit Christian Duguay vorschlug. Als ich ihm gegenüberstand, hatte ich sofort das Gefühl, dass wir uns gut verstehen würden. Ich mochte seine Energie und seine Art, mich anzusehen. Als er sagte: „Du bist zu jung. Wir müssen dich für die Rolle älter machen, weil du vier Kinder haben sollst.“, antwortete ich: „Klar, kein Problem.“ Ich hatte „Jappeloup – Eine Legende“ gesehen und finde die Dramaturgie bemerkenswert. Christian vermischt darin gekonnt all die guten Elemente des US-amerikanischen Films – die Persönlichkeitsentwicklungen der Haupt- und Nebenfiguren, das Aufzeigen von Gefühlen, die Verwendung von Rückblenden – mit der intimen Art des europäischen Films. Ich wusste, dass es ihm gelingen würde, die Geschichte von Joseph Joffos Familie mit starken Figuren wie im Roman zu erzählen.

PB: Éric Toledano hatte mir von dem Projekt erzählt. Bald ließen mich Laurent Zeitoun und Nicolas Duval von QUAD Productions voller Enthusiasmus wissen, dass sie mich gern bei dem Projekt dabeihätten. Ich zögerte, da der Film „Ein Geheimnis“ noch sehr präsent in mir war und ich mich fragte, ob ich damit die Geschichte nicht schon einmal gespielt hatte. Dann sprach ich mit Christian Duguay, und dieses Gespräch veränderte alles. Ich kannte seine Arbeit und wusste, dass er ein sehr guter Regisseur ist. Darüber hinaus verständigten wir uns jedoch über das, was mir das Wichtigste für das Gelingen des Films schien: das Casting der Kinder. Es gibt viele Filme über den Zweiten Weltkrieg, jedoch wenige aus der Sicht von Kindern. Das ist hier das Ausschlaggebende. Er zeigte mir eine Aufnahme von Dorian im Casting, in der er Jo in der Szene mit der Ohrfeige spielt. Ich war beeindruckt, sehr beeindruckt. Ich hatte selten einen so guten Schauspieler gesehen. Dieses Kind war in der Lage, gut zu spielen und vor allem die Szene mehrere Male sehr glaubwürdig zu wiederholen. Ich spürte, dass mit diesem Regisseur und diesem Film etwas in Bewegung kommen würde. Und das hat sich beim Dreh immer wieder bestätigt.

KENNEN SIE BEIDE DAS BUCH AUS IHRER KINDHEIT?
EZ: Das Buch stand im Bücherregal meiner Eltern, und wir lasen es im Gymnasium. Es gefiel mir gut und hat mich sehr berührt. Die polnische Familie meines Vaters kam in den Dreißigerjahren nach Frankreich und musste sich während des Krieges in der Nähe von Lyon verstecken. Die Geschichte von Joseph Joffo erinnert mich also an die Geschichte meiner Familie. Als ich sie las, war ich erschüttert, weil man sich mit einem Kind in den Vierzigerjahren identifiziert. Aufgrund der heutigen Ereignisse in Frankreich ist es wichtig, Filme über verschiedene Zeitepochen zu drehen, die allgemeingültig sind. Filme machen es möglich, etwas zu vermitteln, zu kritisieren und zu sagen, das heute in der Schule und in den Familien nicht mehr ausgesprochen wird. Und als kleine Anekdote: Mein Vater kannte die Familie Joffo und ließ sich in ihrem Friseursalon die Haare schneiden.

PB: Ich hatte das Buch gelesen und die erste Verfilmung gesehen, die kurz nach der Erscheinung des Romans gedreht worden war. Meiner Mutter bedeutete das sehr viel. Und so geht es mir heute auch. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder und alle anderen Kinder diese Geschichte entdecken, die sie einfach ansprechen muss, weil sie auch heute noch so aktuell ist.

PATRICK, WIE WÜRDEN SIE DEN VATER BESCHREIBEN? MAN EMPFINDET IHN ALS ABGEHÄRTET UND VON SEINER SCHMERZHAFTEN GESCHICHTE GEZEICHNET, ABER ZÄRTLICH UND LIEBEVOLL SEINER FAMILIE GEGENÜBER.
PB: Er ist eine Bezugsperson, ein guter Mann, der davon gezeichnet ist, dass er den anderen etwas voraushat. Er spürt, was passieren wird und hat dergleichen schon einmal erlebt, als er während der Pogrome aus Russland fliehen musste. Er weiß, dass Dinge, die schon einmal geschehen sind, auch wieder geschehen können und versucht deshalb, vorausschauend zu handeln. Er reagiert außergewöhnlich schnell, was in so einem Moment lebenswichtig ist. Nur mit sehr viel Liebe, Vertrauen und aufgrund der besonderen Beziehung zu seinen Kindern kann er sie aus der Ferne anleiten. Er schickt sie ins Leben und ermöglicht ihnen die Rettung. Der Weg dorthin ist sehr schmerzhaft, deshalb gibt es auch die Szene mit der Ohrfeige, die sehr stark und kraftvoll ist. Auch als er mit den beiden im Auto sitzt, sieht man, dass er begriffen hat, dass er keine Chance mehr hat, dass es ihm jedoch wichtig ist, die Kinder bis zum Ende zu begleiten. Es war ein großes Glück, diese schöne Figur spielen zu können. Ich mag die Rolle sehr gern und auch das, was ich dank Christian, Elsa und der Kinder daraus machen konnte.

EZ: Christian ist sehr menschlich und großzügig. Seine Schauspieler sind ihm sehr wichtig, er ist ihnen wohlgesinnt und ermöglicht es ihnen, sich selbst zu übertreffen. Er hat keine Angst vor Gefühlen. Man fühlt sich bei ihm sicher.

ELSA, WIE SIND SIE IN IHRE FIGUR HINEINGESCHLÜPFT?
Ich habe keine Kinder, deshalb war die Rolle für mich nicht einfach zu spielen. Ich dachte zuerst über mein Erscheinungsbild nach und kam auf die Idee, mein Aussehen zu ändern, auch weil es ja eine Friseurfamilie ist. Ich dachte mir, dass sie entwurzelt und auf der Flucht sind und somit niemals in Sicherheit. Darauf habe ich alles aufgebaut. Sie haben auch einen sehr starken Familiensinn. Während des Krieges ist die Familie ihr innerster Kreis und das einzig Wichtige. Wenn man um das Überleben kämpft, entsteht ein Lebenshunger, doch selbst wenn sie fröhlich sind, denken sie sich: „Es könnte das letzte Mal sein.“ Natürlich haben die Eltern eine sehr zärtliche Beziehung zu den Kindern. Ich spiele nicht in so vielen Szenen mit, aber jede von ihnen ist voller Energie, ob es nun innere Anspannung oder ein fröhlicher Moment ist. Ich musste in jeder Gefühlslage die gleiche Intensität ausstrahlen. Ich habe versucht, mit Verlust und allgegenwärtiger Angst zu arbeiten.

WIE VERLIEF IHR ZUSAMMENTREFFEN MIT JOSEPH JOFFO?
EZ: Er drehte fast durch, wenn er daran dachte, dass wir einen Film über sein Leben machten.

PB: Er schien sehr glücklich zu sein, wenn er bei den Dreharbeiten dabei war. Es war ihm sehr wichtig gewesen, dass ich diese Rolle verkörpere, denn der Vater im Film sollte vom Charakter her seinem Vater entsprechen. Wir haben eine schöne Verbindung aufgebaut. Er ist sehr herzlich und sein Enthusiasmus hat unsere Arbeit unterstützt. Aber ich werde nie vergessen, wie gerührt er nach der ersten Vorführung war und was er über mich sagte. Ich selbst fühlte auch, dass ich weit über das Spielen einer Rolle hinausgegangen bin.

EZ: Seine Frau hatte mir von seiner Mutter erzählt, die in der Wohnung der Familie fast ununterbrochen Geige spielte. Es war eine sehr fröhliche Stimmung. Ich habe mir all diese Details eingeprägt. Das half mir dabei, meine Figur aufzubauen.

MAN IST VOLLKOMMEN VON DER LIEBE DIESES PAARES ÜBERZEUGT, DAS GEMEINSAM WIDERSTEHT.
EZ: Die Eltern von Joseph Joffo haben sich sehr jung kennengelernt. Sie war vermutlich 17 Jahre alt. Sie sind zusammen gereift. Sie wussten alles übereinander. Sie waren Künstler: Er las Gedichte und sie spielte Geige.

DIE SEQUENZ, IN DER DIE POLIZISTEN IN DIE WOHNUNG IN NIZZA EINDRINGEN, IST AUCH SEHR ÜBERZEUGEND. WIE VERLIEF DER DREH?
PB: Es liegt viel Kraft in dem Moment, in dem sich die Rollen verändern. Plötzlich tritt die Kindheit hinter der Verantwortung zurück, und die ganze Familie ist auf der Hut. Elsa ist in diesem Moment sehr stark. Sie beschließt, ihrem Mann, den sie als verletzlich empfindet, in seiner schwierigen Lage zu helfen. Aufgrund ihrer eigenen Geschichte verfügt sie über eine Mischung aus Leichtfertigkeit und Intuition.

EZ: Als ihr Mann von den Polizisten verhört wird und Gefahr läuft, festgenommen zu werden, kommt sie aus ihrem Versteck, um ihm dabei zu helfen, auf die Fragen und Unterstellungen der Polzisten zu reagieren. In dieser Szene sieht man ihre Fantasie, ihren Mut und ihre Leichtfertigkeit. Sie geht unglaubliche Risiken ein. Ich glaube, um zu überleben, kann man sich selbst übertreffen. Wenn man so kaltblütig sein kann, ist man zu allem bereit, um seine Familie zu retten.

PB: Es ist interessant, weil man zu dem Zeitpunkt noch nicht alles weiß, was während des Krieges geschah. Man muss schnell Entscheidungen treffen und sich vor allem auf seinen Instinkt verlassen.

ERZÄHLEN SIE MIR VON IHREM VERHÄLTNIS ZU DEN KINDERN.
PB: Ich hatte eine sehr starke Bindung zu ihnen, fast als wären es meine eigenen Söhne. Das lag zum einen daran, dass meine beiden Kinder fast dasselbe Alter haben, und zum anderen, dass eine wirkliche Nähe zu den Jungen entstanden ist. Es war jedes Mal schön, wieder zu den Dreharbeiten zu stoßen. Dorian fiel mir um den Hals, und Batyste schenkte mir ein schönes Lächeln und eine Umarmung. Die beiden haben mich gerührt. Ich habe gesehen, wie sie gearbeitet und geprobt haben. Sie sind wirklich begabte Schauspieler, und der Film verdankt ihnen alles. Man merkt sofort, dass sie nicht nur etwas vorspielen. Sie sind sehr anpassungsfähig. Und ihr Coach Amour war wunderbar.

EZ: Wenn man mit einem Film beginnt, hat man gewisse Ansprüche. Ich bin nach jeder Szene ganz außer mir, weil ich in die Rolle der Figur hineinschlüpfe und ihre Gefühle wirklich empfinde. Die Kinder waren erschüttert, als sie sahen, wie traurig ich nach den Aufnahmen war. Meine Energie hat ihr Spiel beeinflusst. Als sie meine direkten Gefühle beobachteten, merkten sie, dass ich vollkommen in der Rolle aufging. Sie gaben ihr Bestes, um unseren Anforderungen als erfahrenere Schauspieler gerecht zu werden. Und das war großartig. Die Verbundenheit zwischen uns entstand ganz von selbst.

HABEN SIE VIEL GEPROBT?
EZ: Wir haben sehr viel daran gearbeitet, die Szenen so gut wie möglich zu machen. Christian war sehr aufmerksam. Bei jeder Sequenz bemühten wir uns um die bestmögliche Interpretation. Wenn Christian mehrere Aufnahmen hatte, entschied er, welche er für den Schnitt behalten wollte. Er machte Momentaufnahmen.

DENKEN SIE, DER FILM KANN BEI DEN JÜNGERENN GENERATIONEN ETWAS AUSLÖSEN?
PB: Das war doch das Ziel! Es gibt eine Verpflichtung zur Erinnerung. Es ist sehr wichtig, dass diese Art von Filmen gemacht wird und vor allem, dass sie gut sind. Die Messlatte liegt hier auch sehr hoch: „Der Pianist“, „Schindlers Liste“, „Auf Wiedersehen, Kinder“, „Ein Geheimnis“ … Ja die jüngeren Generationen müssen diesen Teil unserer Geschichte kennen und verstehen, dass es wieder geschehen kann.

EZ: Ich denke, „Auf Wiedersehen, Kinder“ ist im positiven Sinn ein schöner populärer Film, auf ähnliche Art wie „Jean Florette“ und andere Filme von Claude Berri. Eine Handlung wie im Roman kann helfen, das Publikum zu berühren und jüngere Menschen zu interessieren.

WIE WAREN DIE DREHARBEITEN MIT CHRISTIAN DUGUAY?
PB: Wir hatten uns wirklich gefunden. Die Dreharbeiten waren sehr intensiv. Christian Duguay ist äußerst sensibel und hat sehr viel Erfahrung. Es ist wunderbar, wenn er bei den Aufnahmen dabei ist, denn er ist der erste, der seinen Film sieht. Christian folgt seinem Instinkt und beendet die Szene dort, wo sein Blick ihn hinbringt. Erst danach schneidet er. Man muss darauf vorbereitet sein, dass alles passieren kann, und das gefällt mir gut. Ich habe sehr ergreifende Momente bei den Dreharbeiten erlebt. Das lag an unserer schönen Verbundenheit.

EZ: Patrick und ich waren die Eltern. Und Duguay führt die Kamera wie Lelouch. Dieser natürliche Aspekt war für mich ganz essenziell. Bei der Szene am Strand waren wir alle versammelt. Es ist eine sehr lebendige Sequenz mit viel Bewegung, bei der wir alle sehr wahrhaftig wirken. Christian will es lebendig wie im echten Leben und schneidet nicht, wenn starke Gefühle auftreten. Er ist sehr sensibel, und seine Filme haben etwas Körperliches und Zärtliches. Es war sehr schön, dass er uns nicht in einen festen Rahmen sperrte, sondern uns mit der Kamera folgte.

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Joseph Joffo im Interview

WIE KAM ES ZU DER VERFILMUNG?
Zuerst hatte ich eine wunderbare Begegnung mit dem Filmproduzenten Jean-Charles Lévy, der es mir ermöglichte, Nicolas Duval von QUAD Productions kennenzulernen. Das Projekt hat mich sehr schnell überzeugt. Nach Jacques Doillons Verfilmung vor über 40 Jahren wollte ich, dass meine wahre Geschichte erzählt wird. Christian Duguay hat sehr authentische Bilder erschaffen. Ich denke, dass meine Leser das wahrnehmen werden.

SIND SIE CHRISTIAN DUGUAY FRÜH BEGEGNET? WIE VERLIEF DIESE BEGEGNUNG?
Die Begegnung war einfach wunderbar. Er zeigte mir zuerst seinen Film „Jappeloup – Eine Legende“, der mir sehr gut gefallen hat. Danach sah ich seinen Film über Hitler. Über so ein Thema macht man nicht zufällig einen Film. Er schien mir ganz eindeutig der Richtige für diesen Film zu sein, und ich habe mich nicht geirrt.

DENKEN SIE, ALS KANADIER HAT ER EINEN BLICK VON AUSSEN AUF DIE EREIGNISSE IM FILM?
Er ist das dritte Auge. Wir haben alle unterschiedliche Sichtweisen auf das, was während des Krieges geschah. Christian war wunderbar, weil er die richtige Mischung gefunden hat: Er übertrieb nirgends und blieb objektiv, obwohl er seinen Blickwinkel als Drehbuchautor und Regisseur einbrachte.

WAS DENKEN SIE DARÜBER, DASS CHRISTIAN DUGUAY DIE VATERBEZIEHUNG BETONT HAT?
Als die Kinder und der Vater wieder vereint sind, gibt er Jo eine Ohrfeige, die ihn schockiert. Mein Vater hatte die Pogrome erlebt. Er war ein harter Mann, der vor dem Krieg im Pariser Viertel Montmartre gelebt hatte. Es ging dort zu wie in Brooklyn in den Dreißigerjahren, wie man es aus „Es war einmal in Amerika“ kennt. Ich sage Ihnen, so etwas prägt den Charakter ...

FUNGIERTEN SIE ALS BERATER WÄHREND DER DREHARBEITEN?
Ja, insbesondere für die Erstellung der Kulissen, wie den Friseursalon in Nizza. Das umgebaute Restaurant war übrigens so realitätsgetreu, dass eine Dame hineinkam und ausrief: „Oh, endlich ein normaler Friseursalon!“ Darüber mussten wir sehr lachen.

WIE FANDEN SIE DIE SCHAUSPIELER?
Anfangs hatte ich Zweifel in Bezug auf Patrick Bruel, aber er ist ein großartiger Schauspieler und verkörpert meinen Vater auf unglaubliche Weise. Elsa Zylberstein war wunderbar, und Christian Clavier stellt Dr. Rosen so gut dar, dass ich seine Kultrolle als Jacquouille la Fripouille in „Die Besucher“ ganz vergaß. Und das will etwas heißen!

UND DIE KINDER?
Sie waren wunderbar überzeugt und entschlossen. Mitten im Winter, vor dem Sturm in Nizza, gingen sie sogar ohne zu zögern ins Wasser. Ich habe viel mit ihnen gesprochen. Sie wollten wissen, ob alles wahr ist, was im Buch steht. Ich sagte ihnen, dass es sogar hinter der Wahrheit zurückbleibt, weil ich wollte, dass das Buch das Leben betont und zeigt, dass Kinder eine Chance haben, davonzukommen. Es sollte den Lesern Platz für Hoffnung lassen und zeigen, dass man mit viel Mut überleben kann.

WIE FÜHRTE CHRISTIAN BEI DEN KINDERN REGIE?
Christian liebt seinen Beruf und ist sehr gut darin, anderen zuzuhören. Es gelang ihm, sie zu führen, ohne das Gefühl zu vermitteln, etwas zu befehlen. Sie kamen seinen Wünschen sogar zuvor und nahmen aktiv am Film teil.

WAS EMPFANDEN SIE, ALS SIE DEN FILM ZUM ERSTEN MAL SAHEN?
Er war gerade erst geschnitten worden und noch nicht ganz fertiggestellt. Dennoch bekam ich Gänsehaut und musste weinen. Meiner Meinung nach hat Christian Duguay hier den besten Film seines Lebens gemacht.

DENKEN SIE, DER FILM HAT EINE BOTSCHAFT FÜR DAS HEUTIGE PUBLIKUM?
Momentan hallt meine Geschichte besonders laut wider. Aufgrund des Terrorismus müssen auch heute noch Kinder fliehen. Wie wir vor 50 Jahren sind sie vollkommen allein und auf sich gestellt unterwegs. Ich hoffe, der Film bringt uns alle dazu, über das Schicksal dieser Kinder und der zerrissenen Familien nachzudenken.